
245 Minuten lang dokumentiert Philipp Döring kommentarlos den Alltag in der Palliativstation des Berliner Franziskus-Krankenhauses: Der bewegende Dokumentarfilm, in dem die Menschen – die Pflegenden ebenso wie die Schwerkranken und Sterbenden – im Zentrum stehen, feierte in der Sektion "Forum" der Berlinale seine Premiere.
Klassisches Direct Cinema bietet Philipp Döring, der neben der Regie auch für Kamera, Schnitt und Produktion verantwortlich zeichnet, wenn er sich auf die kommentarlose und musiklose Beobachtung beschränkt. An Filme des großen US-Amerikaners Frederick Wiseman lässt das denken, doch im Gegensatz von dessen Durchleuchtung von Institutionen, interessiert sich der 1976 in Freiburg geborene Filmemacher in seinem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm kaum für organisatorische und technische Aspekte des Arbeitsablaufs in der Palliativstation des Berliner Franziskus-Krankenhaus.
Mit einer Einstellung mit Blick auf Gedächtniskirche und das Europa-Center mit dem Mercedes-Stern sowie einer auf das Eingangsschild zum Krankenhaus wird "Palliativstation" geographisch verankert. Nur noch einmal wird in der Folge die Kamera von außen auf die Einfahrt für die Krankenwagen blicken, wird davon abgesehen die nächsten 245 Minuten die Palliativstation nicht mehr verlassen und nur ganz selten den Blick durch ein Fenster auf Tiergarten und Reichstagskuppel öffnen.
Der Fokus liegt ganz auf der Arbeit der Ärzte und des Pflegepersonals mit den Patient:innen. Rund zehn schwerkranke Menschen werden im Lauf des Films, den Döring ohne Förderung und abgesehen von der Postproduktion im Alleingang realisierte, begleitet. Im Mittelpunkt steht dabei der Oberarzt Sebastian Pfrang, der immer wieder mit den unheilbar kranken, dem Tod nahen Patient:innen spricht, ihnen die Situation erklärt oder ihnen auch die Alternativen präsentiert.
So stellt sich beispielsweise die Frage, ob sie nach Hause entlassen werden oder in ein Hospiz überstellt werden sollen oder ob eine Operation oder Chemotherapie durchgeführt oder darauf verzichtet werden soll. Denn es geht eben bei der Palliativmedizin, wie der Arzt einem neuen Pfleger erklärt, ganz im Sinne der britischen Krankenpflegerin Ciceley Saunders, die in den 1970er Jahren dieses Teilgebiet der Medizin begründete, nicht darum "dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben".
Keine Großaufnahme gibt es in diesem Film, sondern Döring, der im Sommer 2023 zwei Monate im Krankenhaus gedreht hat, wahrt immer eine Distanz, die nie das Gefühl von Voyeurismus aufkommen lässt. Großes Vertrauen haben hier sichtlich Patient:innen und Krankenhausteam dem Filmemacher entgegengebracht und er enttäuscht es nicht.
In langen, weitgehend statischen Einstellungen filmt er die Gespräche, dokumentiert ruhig und verzichtet auf den Aufbau von Dramatik, auch wenn ein Patient verstorben ist. Sachlich wird notiert, was er an Kleidern hinterlassen hat, behutsam wird die Leiche hergerichtet und in den Kühlraum transportiert.
Wichtiger aber als mit den Patient:innen zu sprechen scheint es, ihnen selbst Raum zum Sprechen zu geben, ihnen zuzuhören, ihre Hand zu halten oder ihren Arm zu streicheln. Auch in den Fußmassagen einer Physiotherapeutin oder der Körperpflege durch eine Pflegerin wird große Empathie spürbar, gleichzeitig wahrt das Personal aber immer sachliche Distanz.
Spürbar wird in den Gesprächen aber auch, wie die Schwerkranken die Sorge um die Angehörigen belastet und wie schwer sich andererseits die Angehörigen mit dem bevorstehenden Tod des geliebten Menschen tun. Mit einem ukrainischen Patienten und dessen Frau kommen zudem sprachliche Probleme ins Spiel und die Sorge um die Formalitäten, die im Todesfall im fremden Land erledigt werden müssen.
Pausen zwischen diesen Szenen setzen Blicke in die Krankenhausgänge, in denen das Reinigungspersonal mit seinen Maschinen Runden dreht. Unterbrochen werden die Visiten aber auch immer wieder von Teambesprechungen, in denen sich Ärzte und Pflegekräfte über die Patient:innen austauschen.
Hier werden aber auch in einer Szene die Unzufriedenheit mit der Situation thematisiert, wenn geklagt wird, dass die Abteilung für zehn Betten ausgelegt war, aber sich jetzt hier 16 Betten befinden oder wenn die Anstellung von Leasing-Pfleger:innen, die mit Sterben und Tod lieber nichts zu tun haben möchten, kritisiert wird.
Sukzessive ausführlicher werden auch Krankenschicksale geschildert. Erfasst in der ersten Szene die Kamera Doktor Pfrang noch vom Gang aus, während der Patient im Zimmer unsichtbar bleibt, so zeigen sich die folgenden Patient:innen bald offen, bis hin zur Frau, bei der permanent eine Ader in den Mundraum blutet, und einen Mann, der stets zu ersticken glaubt.
Schwer zu ertragen sind diese Szenen, dennoch fehlen in diesem unglaublich berührenden und zutiefst menschlichen Film auch kurze Momente der Heiterkeit nicht, wenn Doktor Pfrang beispielsweise mit einem Patienten, der jedes Zeitgefühl, aber nicht seinen Humor verloren hat, über "Raumschiff Enterprise / Star Trek" scherzt, wenn ein Pfleger von einem Patienten wünscht, dass er ihm doch einmal seine blauen Augen zeigen soll, oder wenn eine Patientin, deren Mann während ihres Krankenhausaufenthalts zuhause stirbt, aufgemuntert wird.
So sieht man auch die zunächst völlig am Boden zerstörte Frau und den verzweifelten Mann durch die empathische Pflege ruhiger und gelöster werden: Wie der Arzt und den Zuschauer:innen ist zwar auch ihnen bewusst, dass sie bald sterben werden, aber sie scheinen durch die Zuwendung von Ärzten und Pfleger:innen gelernt zu haben, das Unvermeidliche anzunehmen.
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