The Social Reckoning


Aaron Sorkin inszeniert die Aufdeckung der rücksichtslosen Geschäftspolitik von Facebook, die ohne Rücksicht auf negative Auswirkungen für die User nur auf Steigerung der Zugriffszahlen und der Nutzungszeit abzielt, als klassischen Journalismusthriller: Dicht erzählt, stark gespielt, aber etwas zu sehr auf die Fakten vertrauend.
Nachdem David Fincher in "The Social Network" (Rezension siehe am Fuß des Beitrags) 2010 nach einem Drehbuch von Aaron Sorkin packend vom jungen Mark Zuckerberg und seiner Gründung von Facebook erzählte, übernahm nun beim Sequel Sorkin, der auch wiederum für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, selbst die Regie.
Wie der Vorgänger lebt auch "The Social Reckoning" von starken Dialogen und einer dichten Erzählweise. Alles Private spart Sorkin aus, konzentriert sich ganz auf den 2018/2019 von New York nach San Francisco übersiedelnden Politjournalisten des Wall Street Journal Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) und die Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen (Mikey Madison). Als Horwitz einen kritischen Artikel über Facebook schreiben möchte, findet er schließlich in Haugen eine Quelle, die zwar an die positiven Möglichkeiten von sozialen Medien glaubt, aber zunehmend Einblick in die rücksichtslosen Geschäftsmethoden Facebooks zur Steigerung der Zugriffszahlen und der Nutzungszeit bekommt.
Trotz der erwiesenen negativen psychischen Folgen wird so versucht die Nutzungszeit speziell von Jugendlichen zu steigern, wütende Post werden gefördert, da diese verstärkt zu Likes, Kommentaren und Weiterleitungen führen, auch wenn Menschen damit zum Beitritt zu extremistischen Gruppen angeregt werden, und auch als Plattform für Drogenkartelle bietet sich Zuckerbergs soziales Netzwerk an.
Im Stil klassischer Journalismusthriller von Alan J. Pakulas Watergate-Thriller "All the President´s Men" (1976) über Tom McCarthys "Spotlight" (2015) bis zu Maria Schraders "She Said" (2022) stehen die Recherchen des investigativen Journalisten und die Whistleblowerin Haugen im Zentrum. Parallel dazu sieht man immer wieder in Zeitsprüngen ins Jahr 2021, die mittels eingeblendeter Zeitleiste verankert werden, Mark Zuckerberg bei einer Probe für eine Anhörung vor dem Kongress. Wie schon Jesse Eisenberg in "The Social Network" spielt auch Jeremy Strong Zuckerberg stark als kalten und steifen, schon fast autistischen Tech-Chef, den einzig der Profit seines Unternehmens interessiert.
Sorkin inszeniert nüchtern, verzichtet trotz eines Abstechers nach Puerto Rico auf Schauwerte ebenso wie auf spannungstreibende Treffen an geheimen Orten, sondern vertraut auf die Fakten. Ein starkes Duo bilden Jeremy Allen White und "Anora"-Star Mikey Madison. Komplexe Figurenzeichnung ist hier nicht nötig. Nichts erfährt man über ihre Vorgeschichte, nie treffen sie sich mit Freunden, sondern ganz auf ihren beruflichen Kontakt beschränkt sich Sorkin, dennoch folgt man gespannt ihren Wegen.
Das liegt auch daran, dass die Handlung, die zwangsläufig in Horwitz Artikelserie zu den sogenannten Facebook Files und eine Anhörung Haugens vor dem US-Senat münden muss, mit pointierten Dialogen und schnörkelloser Inszenierung dynamisch vorangetrieben wird. Schmucklos bleibt die visuelle Ebene, für die wie bei "The Social Network" Jeff Cronenweth als Kameramann verantwortlich zeichnet, doch auch dies passt, wird dadurch doch nie der Blick auf die Story und die Menschen verstellt.
Plastisch macht Sorkin auch die Auswirkungen der Methoden von Facebook sichtbar, wenn er die Handlung im Finale in einer dramatisierenden Parallelmontage in den Sturm auf das Capitol am 5. Januar 2021 münden lässt. Auffallenderweise nicht genannt wird dabei der Name des Noch-Präsidenten, der mit seinen Posts zur Eskalation der Ereignisse beiträgt, anstatt zu versuchen zu kalmieren.
Zum politischen Film wird "The Social Reckoning" damit, bezieht er doch entschieden Partei gegen demagogische Methoden und Hetze. Andererseits klebt dieser Journalismusthriller aber doch auch so sehr an der konkreten Geschichte und den Fakten und spitzt sie zu wenig zu, um die darin enthaltenen politischen Fragestellungen und Themen zu verdichten und ihnen beklemmende oder schockierende Aktualität und Allgemeingültigkeit zu verleihen.
The Social Reckoning
USA 2026
Regie: Aaron Sorkin
mit: Jeremy Allen White, Mikey Madison, Jeremy Strong, Billy Magnussen, Betty Gilpin, Wunmi Mosaku, Bill Burr
Länge: 112 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems, Cineplexx Lauterach und Kino Bludenz.
Trailer zu "The Social Reckoning"




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