
Simon Baumann reflektiert in seinem sehr persönlichen Dokumentarfilm, ausgehend von der offenen Zukunft des elterlichen Hofs in Südfrankreich, nicht nur über Fragen des Erbens, sondern thematisiert auch Privilegien und den Wandel der Generationen.
Mit seinem persönlichen Voice-over und einem Kindheitsfoto schafft Simon Baumann sofort Nähe und zieht das Publikum in seinen Film hinein. Auf diesem Polaroidfoto sieht man den etwa achtjährigen Simon mit einer Holzkamera, die - wie der Regisseur erklärt - von seinem Vater selbst gebastelt wurde, während die Haare ihm von der Mutter geschnitten wurden und er die Kleider von älteren Verwandten übernahm.
Weniger mit Sparsamkeit als vielmehr mit dem Gedanken an Nachhaltigkeit werden Simons Eltern Ruedi und Stephanie Baumann dies später erklären und werden Simon daran erinnern, dass er selbst dies bei der Kleidung seiner Kinder ja auch mache. – Man erbt eben nicht nur materiellen Besitz, sondern auch Verhaltens- und Denkweisen.
Unterstützt von Ausschnitten von TV-Auftritten in den 1980er Jahren erinnert sich der Regisseur aber auch an das politische Engagement seiner Eltern, die Vordenker der ökologischen Landwirtschaft waren und sich politisch engagierten. Während Vater Ruedi so von 1991 bis 2003 für die Grünen im Schweizer Nationalrat saß, hatte Mutter Stephanie von 1994 bis 2003 für die SP – die Sozialdemokratische Partei – ein Mandat. Auch hier zeigen sich Vererbungen und Traditionslinien, wenn nun seit 2019 Sohn Kilian als Grüner und Präsident der Kleinbauernvereinigung im Nationalrat sitzt.
Weil die Schweiz aber nicht der EU beitrat, zog sich das Ehepaar 2003 von der Politik zurück, und wanderte mit dem Kauf eines Hofs in Südfrankreich in die EU aus. Mit 70 Hektar ist das Landgut nicht gerade klein und angesichts der 74 bzw. 76 Jahre von Ruedi und Stephanie stellt sich die Frage, was damit geschehen soll.
Noch kann das Paar es zwar selbst betreuen und - die Geschlechterrollen scheinen bei den Eltern traditionell verteilt - Ruedi fährt mit Leidenschaft mit seinem Traktor über die Felder, während Stephanie Fenster putzt oder staubsaugt. Offen ist aber, wie lange sie das noch bewältigen. Tod und Krankheit von Bekannten in ihrem Alter sorgt für Verunsicherung, gleichzeitig macht dieser Aspekt "Wir Erben" auch zu einem Film über das Altern.
Wie weit freilich das nahe den Pyrenäen gelegene Landgut von der Schweiz entfernt ist, macht die Fahrt des filmenden Sohns Simons bewusst, wenn er den Weg auf der Autobahn vorbei an einem AKW und Windrädern und über eine schmale Landstraße mit der Kamera einfängt und dabei der Sonnenschein von einem heftigen Regenguss abgelöst wird. - Stimmungsvoll untermalt werden die Bilder nicht nur in dieser Szene von Gitarrenklängen.
Unterbrochen von Blicken auf das Bauernhaus und die weiten Felder sowie alltägliche Arbeiten im und um das Haus, diskutiert Simon mit seinen Eltern die Frage nach der Zukunft des Hofes. Dass einer der beiden Söhne das Anwesen übernimmt, wäre die naheliegendste Lösung, doch die Übernahme des von der Schweiz weit entfernten und großen Anwesens stellt eben auch eine Belastung dar. Weder Simon noch Kilian zeigen folglich großes Interesse, sodass auch andere Optionen wie Verschenken ins Auge gefasst werden.
Gleichzeitig weitet sich der Film mit dieser Diskussion zu einer grundsätzlichen Frage übers Erben. Da sinniert Simon nicht nur darüber, was er körperlich vom Vater und was er von der Mutter geerbt hat, sondern wirft auch die Frage auf, ob Erben überhaupt sozial gerecht ist, da dadurch Privilegierte, ohne einen Finger zu krümmen, zu Besitz kommen, während andere nichts erhalten.
Andererseits wird aber auch geprüft, welche Abgaben an den Staat im Falle des Vererbens anfallen und wie man diese vermeiden kann. An den Staat verschenken will man nämlich doch nichts von dem, was man mit sich selbst mit seiner Arbeit erworben hat.
Ebenso ironisch wie liebevoll und sanft ist "Wir Erben" durch das ruhige, reflektierende Voice-over des Regisseurs und die unaufgeregte Erzählweise. Durch die Kontrastierung von Kindern und Eltern entwickelt sich langsam auch ein Generationenporträt. Baumann stellt dabei der Mentalität des "Schaffa, schaffa, hüsle baua" der Eltern, nicht nur das Erben der Kinder gegenüber, sondern auch den schwerwiegenden Folgen der Ausbeutung der Erde durch die Vorgänger-Generation die Notwendigkeit seiner Generation, sich für den Schutz der Umwelt einzusetzen.
So gelingt es dem 46-jährigen Schweizer einerseits durch die Konzentration auf seine Familie große Nähe herzustellen, andererseits kann er an ihrer ganz persönlichen Situation und Geschichte treffend gesellschaftliche Fragen verhandeln. Nie wird der Film dabei trocken und theoretisch, sondern bleibt durch das konkrete Beispiel sowie den warmherzigen Blick und das Gespür für Witz immer sehr unterhaltsam, regt aber auch zum Nachdenken an.
Wir Erben
Schweiz 2024 Regie: Simon Baumann Dokumentarfilm mit: Stephanie Baumann, Ruedi Baumann, Kilian Baumann, Simon Baumann Länge: 96 min.
Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.
Trailer zu "Wir Erben"
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